EIN BILD UND SEINE GESCHICHTE - SELLIN

Die Seebrücken an der deutschen Ostsee sind legendär. Viele der bekannten Seebrücken auf Usedom, Rügen, Zingst oder dem Festland ragen mehrere hunderte Meter ins Meer hinaus. Grund dafür ist das flache Boddenmeer. Damit Schiffe anlegen können, braucht es eine passende Wassertiefe. Viele Seebrücken auf Usedom oder Rügen sind wahre Flaniermeilen mit Cafes oder Restaurants und manche - so wie die Seebrücke Sellin auf Rügen - sind auch nachts einfach nur wunderschön.

Seebrücke Sellin
Seebrücke Sellin, Canon 6D, 16mm, f/8, ISO 100, 39s (für eine vergrößerte Darstellung auf das Foto klicken)

Das Foto entstand in den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester 2015. Das Bild hatte ich schon länger im Kopf und ich wollte es genau so fotografieren. Der Weg zum Bild war etwas holprig. Erst einmal war frühes Aufstehen angesagt. Ich wollte die Brücke für mich alleine. Nachdem sie unter Fotografen ein begehrtes Objekt ist, musste ich die Anfahrt so timen, dass die Chancen gut stehen, die Brücke ohne weitere Besucher fotografieren zu können.

Dazu muss man erwähnen, dass der Zugang zur Brücke über die sogenannte Himmelsleiter erfolgt. Das ist eine relativ steile und auch recht hohe Holztreppe, die vom Kurhaus runter zum Strand und zur Seebrücke führt. Und freie Treppen haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie schwingen. Ein Umstand, den man beim Fotografieren mit Stativ und bei langen Belichtungszeiten nach Möglichkeit vermeiden sollte.

Los ging es um 5 Uhr morgens bei Dunkelheit und Eiseskälte von Greifswald, über die Rügenbrücke bei Stralsund auf die Insel Rügen. Sellin liegt am südöstlichen Ende von Rügen. Man fährt über die neu ausgebaute Bundesstraße nach Bergen und von dort aus in Richtung Binz und Göhren. Die Straße ist übrigen Bestandteil der deutschen Alleenstraße. Hinter Binz biegt man links nach Sellin ab. Um diese Uhrzeit kann man fast bis ganz vor zum Kurhaus fahren und es lässt sich bequem ein Parkplatz finden. Die Fahrzeit von Greifswald aus beträgt ein wenig mehr als eine Stunde. Tagsüber im Sommer darf man dann schon mal gerne eine halbe Stunde oder mehr zusätzlich einplanen.

Meine Vorfreude wurde gleich mal zu Beginn empfindlich gedämpft, denn als ich am oberen Ende der Himmelsleiter ankam, um den ersten freien Blick auf die Brücke zu erhaschen, lag sie in absoluter Dunkelheit. Keine Illumination, wie sie zur Weihnachtszeit üblich ist. In Gedanken sah ich mein Vorhaben, die Brücke so wie oben abgebildet zu fotografieren, schon davonschwimmen. Früh aufgestanden, eine Stunde Autofahrt und jede Menge Equipment - und dann das.

Nachdem ich aber schon mal da war, versuchte ich zunächst das Beste daraus zu machen. Auf der Himmelsleiter gibt es mehrere Plateaus und ich platzierte mich ungefähr auf halber Höhe der Treppe in zentraler Position.

Zum Einsatz kam ein SIRUI Carbonstativ zusammen mit einem K-30 Kugelkopf, ebenfalls von SIRUI. Als Kamera verwendete ich eine Canon 6D, zusammen mit dem Canon 16-35mm L f/4 Weitwinkelobjektiv. Eines der besten Canon Objektive, wie ich finde. Als Auslöser verwendete ich einen kabelgebundenen Auslöser, der über mein Android Tablet und der App DSLR Controller angesteuert wurde. Das war aus meiner Sicht die beste Lösung, weil ich über das Display auf dem Tablet die Kamera am besten scharfstellen konnte.

Die Brücke lag im Dunkeln. Das einzige Licht kam aus dem Rücken vom Kurhaus am oberen Ende der Treppe, sowie von der Treppenbeleuchtung selbst. Die ersten Aufnahmen waren etwas schwierig. Ich musste auf einen geeigneten Punkt entlang der Brücke scharfstellen um den hyperfokalen Effekt optimal ausnutzen zu können und damit optimale Tiefenschärfe zu erreichen. Als Blende wählte ich f/8. Die Belichtungszeiten lagen nach einem ersten Referenzshot bei ca. 2 Minuten.

Nachdem ich ein paar Aufnahmen im Kasten hatte und mir Gedanken machte, was sich am Computer aus den Bildern noch rausholen lässt, packte ich alles wieder zusammen und trat den Rückzug an. Am oberen Ende der Treppe angelangt, drehte ich mich noch einmal seufzend um und genau in diesem Moment geschah das Unfassbare: die Beleuchtung der Brücke wurde eingeschaltet. Da lag nun das Foto, das ich machen wollte, direkt zu meinen Füßen. Also wieder runter und alles wieder neu aufgebaut.

Inzwischen war es schon 6:30 Uhr und ich musste mich langsam auf erste Besucher einstellen. Noch lag alles friedlich vor mir. Nach ersten Probeaufnahmen kam auch das erste natürliche Morgenlicht hinzu. Das sah dann schon sehr gut aus. Ich beschloss trotz Kälte noch etwas zu warten, bis das Umgebungslicht ideal und der Himmel gut durchgezeichnet ist. Als es soweit war, tauchte unvermittelt der erste Besucher auf. Es war ein Radlader. Dieser begann unten am Strand fröhlich seinen Runden zu drehen und wie eine Pistenraupe mit einer nachgezogenen Matte den Sand zu glätten. Ja, kann man machen, muss man aber nicht. Ganz besonders nicht, wenn die äußeren Bedingungen nicht dazu angetan sind, barfuß am Strand spazieren zu gehen. Jetzt musste es schnell gehen. Die weiteren Fotos konnte ich freilich nur schießen, wenn der Radlader samt seinem Lichtkegel der Scheinwerfer aus dem Blickfeld verschwunden ist. Auch wenn die Belichtungszeiten schon deutlich kürzer wurden – es waren immer noch über 30 Sekunden, die der Radlader nicht ins Bild wandern durfte.

Zufrieden habe ich dann kurz nach 7 Uhr morgens meine Sachen zusammengepackt und bin zurück zum Auto – als mir der erste wirkliche Besucher entgegenkam: es war ein Fotograf…

Benutztes Equipment

Stativ: SIRUI Carbon-Stativ N3004X
Kugelkopf: SIRUI Kugelkopf K30
Kamera: Canon 6D
Objektiv: Canon 16-35mm L f/4
Auslöser: kabelgebunden, Android Tablet (Samsung) mit DSLR Controller App
Handy App zum Berechnen der Belichtungsdaten

Weitere Informationen

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